Tag 7 – Von Lettermore bis John O’Groat’s

7-Midgies

Augen auf die Uhr. 5:35 Uhr. Ich gucke an die Zeltwand. Alles schwarz. Oh, nein! Warum habe ich gestern nicht daran gedacht. Gestern bei Wind waren sie natürlich noch nicht da, aber jetzt bei einer Wind- und Regenpause sind sie zu Tausenden (und der große Manitu ist mein Zeuge: Ich übertreibe nicht!) erschienen und belagern mein Zelt. Panik, denn wie soll ich entkommen von … den Midgees!


Die berühmt-berüchtigten Minifliegen der Highlands zogen sich wie ein schwarzer Teppich über mein Zelt. Es half nur eines: Flucht, denn einige der sehr, sehr kleinen Exemplare schienen durch das Fliegengitter des Zeltes zu gelangen. Ok, alles war gepackt. Jetzt ging es darum Camilla wieder auf die Straße zu wuchten, zu bepacken und dann “Gib Schub, RakeDe!”
Ich öffnete das Zelt und bevor ich raus konnte, kam mir bereits ein Schwall entgegen. Nicht zu tief einatmen war die Devise. An der Haut, in den Augen, Ohren, Nase – sie waren überall. Schnell raus und Camilla und die schweren Taschen zur Straße durch den moorartigen Boden geschleppt. Als ich zurück kam, meldete sich dann auch noch zu allem Überfluss die Natur …… jetzt ist Kopfkino angesagt :-X
Dann baute ich das Zelt ab und spuckte die ganze Zeit wie ein Lama. Dann alles aufs Rad packen. Es war wie im Horrorfilm, denn sie waren mir gefolgt!
Alles verstaut und verzurrt und jetzt los, los, los!!!
Es war kurz nach 6Uhr. So früh war ich noch nie unterwegs und rekordverdächtig war auch die Zeit die ich brauchte um Camilla startklar zu machen. Doch entweder die frühe Zeit, die unruhige Nacht, die gestrige Tour oder der leere Magen forderte seinen Tribut. Ich war total fertig. Dazu kamen noch die ganzen Berge. Bisher kam nach jeder Berganfahrt auch immer schnell die Abfahrt. Jetzt hatte ich das Gefühl, dass es permanent bergauf gehen würde … und dann ganz schnell abwärts. Manchmal erreichte ich mit meiner 25Kg schwer bepackten Camilla Geschwindigkeiten um die 60 Klamotten! Beim nächsten Berg konnte ich nicht mehr. Ich stieg ab und begann das erste Mal zu schieben. Das war aber Angesichts des Gewichts auch nicht gerade ein Zuckerschlecken. Ich hielt in einem kleinen Dorf an einer öffentlichen Toilette, um mich von den Tausenden von Fliegenleichen zu befreien, die ich überall am Körper hatte. Ich traf dort eine Radreise-Pärchen aus Inverness, die sich gerade auf dem Rückweg befanden. Wir kamen ins Gespräch, ich erzählte von der Tour, der Amnesty-Aktion und sie berichteten von ihrer Tour. Dann gingen wir zusammen zu einem Bäcker, der sich gleich um die Ecke befand. Mit Brötchen, einer Büchse Baked Beans und einer Limo kam ich zurück zum Fahrrad, holte meinen Gaskocher heraus und machte mir erst einmal schön Frühstück. Die beiden leisteten mir noch etwas Gesellschaft, bevor sie aufbrachen und schwärmten von Norwegen. ER sagte, die norwegischen Berge sind wie die in den schottischen Highlands …. nur auf Steroiden! Nach dem bisherigen Kraftakt, konnte ich darüber nicht mehr lachen =-O
Nach dem Frühstück ging es auch für mich weiter … mit dem schieben! Ich war einfach nur “ferdisch” mit der Welt! Dann fing es auch mal wieder an zu regnen. Dieses Mal war es nicht nur ein kurzer Schauer – nein dieses Mal war es ein Dauerregen der in unterschiedlicher Intensität den ganzen Tag anhalten sollte. Irgendwann stellte ich mich in ein Bushaltestellenhäuschen. Nachdem ich mich vergewisserte, dass mir nicht wieder (wie auf der Tour im Jahr zuvor) irgendwelche Edding-Nachrichten hinterlassen wurden, begann ich darüber nachzudenken, was die Welt in ihrem Inneren zusammen hält. – Bis ein weiterer Radreisender sich den Berg hochkämpfte. Der Mann aus Australien und ich kamen ins Gespräch. Er war schon seit dem 1.Juni unterwegs und von Barcelona aus gestartet. Der Knaller! Er auf seinem alten Mountainbike, einem Klappstuhl auf seine kaputten Gepäcktaschen gespannt und einem Lenkerkorb, in dem Tante Else immer ihren Hund “Pfiffi” ausgeführt hatte….also so sah es wenigstens aus! ;-) Und dann ich- der in Markenregenklamotten samt guter Taschen, Ultraleichtzelt und Navi sich fix und fertig in eine Haltestelle verkrochen hatte. War ich das geworden, was ich nie sein wollte: Ein M-S-S (Materialschlachtspacken)?!
Nachdem ich auf meine vorherige Frage keine faustdicke Überraschung präsentieren konnte, machte ich mich 15min nach meinem australischen Kumpel wieder auf dem Weg und es lief. Ich machte mir aufbauenden Musik auf die Ohren und kämpfte mich durch den Regen.
Wieder einer Kindheitsillusion beraubt, musste ich nun auch noch befürchten von einem Auto überrollt zu werden. Der Nebel war so stark, dass man kaum 50 Meter weit gucken konnte. “Asterix bei den Briten” hatte mich doch gelehrt, dass wenn es hier regnet, es keinen Nebel gibt :-(
Doch dass konnte mich auch nicht erschüttern. Je früher ich auf den Inseln bin, desto eher kann ich planen, wann es nach Norwegen geht. So erreichte ich das sehr kalte John o’Groat’s (ich konnte meine Atem sehen – und ich dachte ich wäre im Sommerurlaub!).
Ich kaufte ein Ticket für die Fähre am nächsten Tag, mietete mich auf dem Campingplatz am Hafen ein und gönnte mir eine Dusche …. unglaublich wo die Midgees überall hingekommen sind :O Nachdem ich mich sauber hatte, ging es das erste Mal auch an meine Kleidung und ich verwandelte mich zu “Mick den Wasch-Kerl”. Danach essen, lesen, schreiben, schlafen.
Morgen bin ich auf den Orkneyinseln!

Tageskilometer: 130,92
Nettozeit: 7:21 Std.
Der Song des Tages ist mein Mantra des heutigen Tages: “Gute Musik” von Clueso, weil es geht mir bestens, mein Gemüt bleibt freundlich, selbst bei schlechtem Wetter – alles heiter bis wolkig!

2 Kommentare

  1. Madeleine sagt:

    Mein lieber mick! Irgendwie habe ich heute beim lesen das gefühl ich müsste mal kurz vorbei kommen und dir was ordentliches kochen und dich einfach mal in den arm nehmen. Man, man, man! Was du alles so mit machst!!!! You will survive!!!;-))))
    Denk an dich! Grüße aus hamburgo

  2. [...] Portessie Tag 5: Von Portessie nach Inverness Tag 6: Von Inverness bis kurz vor Lettermore Tag 7: Von Lettermore bis John O’Groat’s Tag 8: Von John O”Groat’s bis [...]

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *