Tag 12 – Von Rochester bis Dover

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Heute sollte also der Tag sein, mit dem ich die Tour durch Großbritannien beende. Aber der Reihe nach… Zunächst machte ich mich auf, den “leeren Campingplatz” zu verlassen. Nicht ohne dem Mann, der mich gestern hier nächtigen ließ weil Amnesty ihn mal geholfen hatte, mit einem kurzen Brief zu bedanken. Danach hatte ich nur noch eines: Hunger. Oh, eine Tanke…. Nein, in der nächsten Stadt wird dick eingekauft. Doch das war ein Fehler, denn die nächste Stadt, Ashford, war 30 Km entfernt. Also fuhr ich etwas ab der Strecke. Schade eigentlich, denn die Route 17 war bisher ein flacher, gut zu fahrender Traum. Ich steuerte “Christopher’s Village Shop” an und deckte mich mit Sandwiches ein. Im Shop sah ich noch das Ambrosia für meinen lädierten Po, vergaß es aber zunächst. Nachdem der Hunger gestillt war, ging ich wieder rein und stellte Christopher eine kleine Dose Vaseline mit den Worten auf den Tisch: “Das Wichtigste hab ich vergessen.” Er entgegnete mit: “Ja, wunde Nippel sind scheiße!” Ich: “Jap, nur dafür brauch ich das Zeug!” Gelächter auf beiden Seiten. Dann ging es weiter auf der Route 17, doch England wollte sich gebührend bei mir verabschieden. Es ging in die Berge… und wie! Wie ein Spiegelbild der krassesten Aufstiege, war am letzten Tag wirklich alles dabei. Über steile Kieswege, Treppen, Trailwege und Kuh- und Schafsweiden schob, hob und schleifte ich Camilla. Dazu kamen immer wieder Sicherheitsschranken, wo mein vollbeladenes Fahrrad nicht durch passte. Also wurde mal auch was für die Rumpfmuskulatur getan, indem ich Camilla abpackte und sie über den Zaun hob…. wieder und wieder. Beim steilsten Abschnitt, dem Floreat Wye, brauchte ich für 2 Km fast 60 Minuten. Dafür bekam ich einen der schönsten Ausblicke der gesamten Reise und das bei perfekten Wetter! Ich machte viele Bilder und Videos, war aber mit dem Resultat nie richtig zufrieden. Ich wollte den ganzen Moment festhalten, weil er nach den ganzen Mühen so wunderschön, so atemberaubend, so frei war. Doch das verhält sich wohl so, wie es Dan Kieran formuliert hat: “Momente in einen Rahmen pressen zu wollen, ist so, als wolle man eine Parkbank wieder in einen Baum verwandeln. Wenn man Glück hat oder ein Fotograf ist, wird ein solches Bild vielleicht mal selbst zu einem Kunstwerk, wegen des Lichtes oder der Komposition, aber es enthält nichts von der Magie, die der Augenblick an sich hatte, als er real war.”
War großartig! Dann ging es wieder runter, wieder bergauf, wieder bergrunter. Ich kam Dover irgendwie nicht näher. Nach endlosen 7 Stunden erreichte ich endlich den Stadtkern und feierte mit Bier und Burger. Wie immer, doch dieses Mal war es das schlechteste Victory-Meal EVER! Trockener Burger, lapprige Chips und italienisches Bier! HALLO?!?!? Ich bin gerade in 11 Tagen von Edinburgh 1200 Km hier her geradelt! Kredenzt mir erlesenes Essen und britisches Bier!!!!!
Aber naja, ich machte mich danach auf zu einem Campingplatz, der mir beim Tourist-Information-Büro empfohlen wurde, der er Meerblick hat und der Sonnenaufgang von dort aus fantastisch sein soll. So fuhr ich, mal wieder die CycleRoute 1,die sich noch einmal von mir verabschieden wollte. Sie zeigte sich erneut von ihrer pottarschhässlichen Seite! Noch wenigen hundert Metern war man auf Cliff-Höhe. Und auch hohe, steile Treppen dürfen auf dem “Fahrradweg” nicht fehlen. Hatte von einer Arte-Doku über den NSCR gehört, die wohl kürzlich lief. Wette, diese Details wurden ausgelassen. ;-) Kurz nach 18Uhr erreichte ich den Campingplatz und auch wenn das Wetter morgen bescheiden sein soll: Morgen lege ich einen Ruhetag ein und fahre erst Donnerstagmorgen nach Dunkerque. Soll es scheiße regnen, ich werden morgen nur faulenzen, lesen und essen! Ahhhhhhhhhh!
In diesem Sinne, ich bin dann mal off! :-)

Mucke des Tages: Am Anfang war alles so harmonisch und ich hörte voller Trennungsschmerz, in Anbetracht des letzten britischen Radtages, Yiruma. Bei den Bergen wichen aber die sanfte Klaviermusik, der Blomenknackermuke von Disturbed! ;-)

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