Epilog Teil 2 – Von Harburg zum Walchsee

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Der Wecker klingelte um 6:00Uhr. Der Tag war gekommen. Ich hatte mir schon Ende 2012 vorgenommen, dass wenn ich es schaffen sollte, die Nordsee mit meiner Tour 2013 zu umrunden, ich meine erste Triathlon Mitteldistanz angehen würde.
Nun, ich hatte zwar damit gebrochen und bereits im April in knapp über 6Stunden die halbe Ironman-Distanz in Hannover-Limmer gefinisht, dennoch wollte ich den Wettkampf am Walchsee in Kaiserwinkle als Abschluss und Höhepunkt meiner 3 Jahre dauernden Reise feiern. Einer Reise, die über das Radeln hinausging. Es mag etwas hochgestochen klingen, aber diese drei Jahre haben aus mir vielleicht keinen neuen, dann aber sicher einen anderen Menschen gemacht. Jemand der nicht mehr so schnell Angst vor dem Neuen, dem Fremden, dem Unsicheren hat. Jemand der weiß, dass er noch unendlich viel zu lernen hat und begierig ist, noch viel zu sehen und kennenzulernen, der aber auch mit vielen, was er früher noch als belanglos erachtete, eine tiefe Zufriedenheit und ein großes Glücksgefühl empfindet. Eines dieser Glücksgefühle ist sicher der Sport, der mir früher nur als alljährlicher Leistungstest beim Sprintstart in Hamburg begegnete, aber nun nach meinen Beitritt zur entsprechenden Abteilung des FC St. Pauli zu einem festen Teil meines Lebens wurde: Triathlon. Diese Sportart hat mich befähigt die Nordseeumrundung ohne große körperliche Probleme (abgesehen von meinem Arsch ;-) ) zu bewältigen. Dazu verhalf sie mir aufgrund des Verlustes von 20Kg geballte Mickheit zu einem neuen Körpergefühl.
Darum ging es heute nach Tirol in Österreich. Bereits gestern packte ich meine Sachen und auch mein Rennrad “Dagmar” wurde in einer Fahrradtasche verstaut. Dann der Schock: In den Unterlagen las ich, dass die Startnummernausgabe bereits um 15Uhr schließt und der viel größere Schock war, dass ich meinen ChampionChip nicht mehr fand. Der Chip mit dem ich meinem ersten Marathon 2000 bestritt. In diesem Jahr lief ich mit selbigen Chip den ersten Marathon seit 8 Jahren…. im Elmo-Kostüm. ;-)
Danach verliert sich die Spur meines Chips, weshalb ich nicht mal mehr weiß, ob überhaupt meine Zeit genommen wird, sollte ich meine Unterlagen überhaupt bekommen. Puhhhh!
Pünktlich um 7 41h stieg ich in die Bahn nach Rosenheim ein, im Ungewissen, ob sich der Bahnbeamte über die große Fahrradtasche nicht etwas aufregen würde. Schließlich hatte ich dazu ja noch eine große Ortlieb Tasche und einen Rucksack. Darin waren Zelt, Schlafsack, Isomatte, Sportlerzeugs, Werkzeug und Klamotten. Als ich einen Platz neben einem jungen Mann in Unterhemd gefunden hatte, kam auch gleich die Durchsage, dass der Zug wegen einem “technischem Defekt” kurz in Harburg bleiben müsste. Das ging ja gut los. :-(
Nichtsahnend ging die Tür auf und  plötzlich standen zwei Bundespolizisten vor mir!!!
Als ich noch überlegte, was ich die letzte Zeit falsch gemacht haben könnte, schnappten sie meinen Sitznachbarn im Unterhemd. Der “technische Defekt” hatte wohl kurz zuvor in der Bahn randaliert und hatte keine Fahrkarte gehabt. Warum war er bei mir so still. War er etwa aufgrund meines “FCSP Box-Club Barracuda” – T-Shirts eingeschüchtert? ;-)
Es ging weiter…. 7Stunden lang nach Rosenheim. Ich las in meinem Buch, schickte noch einige Nachrichten und versuchte auch noch Kontakt mit dem Orga-Team des Triathlons herzustellen, um schon mal anzukündigen, dass ich einen Leihchip bräuchte und später kommen würde.
Ich erreichte schließlich Rosenheim und wartete auf meine Regionalbahn nach Kufstein. Ich bemerkte, das der Ort Oberaudorf um einige Kilometer näher am Walchsee liegt, also stieg ich hier aus. Ich stand um 16Uhr am Bahnhof und wollte schnell ein Taxi rufen, um so schnell wie möglich meine “Probleme” anzugehen. Kein Taxi in Sicht! Auf einem Schild standen 2 Taxi-Telefonnummern. Die erste wurde gewählt und eine unfreundliche Stimme sagte mir, dass er keinen Wagen zur Verfügung hätte. OK?!
Die zweite Nummer wurde gewählt. Auch hier die selbe Ansage! Anscheinend würde es ein Volksfest geben, weshalb alle Wagen im Einsatz wären. Das würde die Massen an gutaussehenden “Dirndl-Mädels” erklären, die den Bahnhof Rosenheim säumten und sabbernt die Regionen nehmen ließen. Was für Alternativen hatte ich? Laufen? Es waren 14Km. Dann wäre ich um halb 19Uhr da – die selbe Zeit bis die der letzte Rad Check-In  möglich wäre. Am Wettkampftag selbst, wäre kein Check-In mehr möglich!
Bus? Nein, denn der fuhr erst um 17:30h.
Also machte ich meine Radtasche auf, holte mein Werkzeug hervor und baute “Dagmar” zusammen, um kurze Zeit später, den (unter dem Gewicht der scheren Tasche plus dem Rucksack) wackligen Versuch zu wagen, aus eigener Kraft nach Kaiserwinkl zu fahren. Es gelang mir nach kurzer Zeit, die Taschen so über meine Schultern zu werfen, dass ich einigermaßen fahren und lenken konnte, ohne Gefahr zu laufen, an der nächsten Biegung umzukippen. Nach 5Km hing ich mich an einen Radfahrer dran, mit dem ich etwas schnackte. Das war so ablenkend, dass die Zeit schneller vorbei ging und ich schließlich den Walchsee erreichte. Sofort ging es zur Startnummernausgabe und ich konnte endlich mich der Taschen entledigen, die mir bereits etwas die Blutzufuhr der Arme abschnitten. Als langsam das Gefühl wieder in meine Fingerspitzen zurück kam, sagte man mir, dass die Frau, die die “Chipsache” macht, schon weg und es für einen Leihchip bereits zu spät wäre. Ich senkte mein verschwitztes Haupt. Doch plötzlich griff ein Madel im Dirndl ihr Telefon und rief: “Mama, wie mache wir desch mit de LeihChips?” Nach kurzer Zeit hatte ich einen Leihchip, musste dafür aber “als Strafe” für 10 Euro Lose für die Tombola zugunsten der Flutopfer kaufen. Naja, Taxigeld hatte ich ja gespart. ;-)
Dann ging es weiter zum Rad Check-In. Ich versuchte die Pedalkörbchen mit den ich hergefahren war, durch Klickpedale zu ersetzen. Ich hatte diese nur provisorisch angeschraubt, da ich natürlich einen 15er Maulschlüssel vergessen hatte. Da die Pedalkörbchen also nur leicht angedreht war, nahm mir das das Gewinde so übel, dass sich das rechte Pedal verkantete und nicht mehr zu lösen war. Noch verzweifelter, aber letztlich erfolgloser Suche eines 15er Maulschlüssels, half mir schließlich ein Mann, der etwas am Pedal rüttelte und es dann ab bekam. Yeah! Also konnte ich Dagmar einchecken und mit einer Plastikplane umhüllen. Danach ging es zum Campingplatz um schnell mein Zelt aufzubauen und dann ab zur Pastaparty. Da schnackte ich mit ein paar Leuten, wovon ein Mädel auch aus Hamburg kam und sie und ihr Freund morgen eine Staffel bilden würden. Der Papa von ihm war auch da und ein Triathlon Urgestein, blickte er dich auf über 15 jährige Erfahrung zurück. Nach der praktischen Lehrstunde, wie man ein alkoholfreies Weizen perfekt ins Glas füllt, zog ich mich noch vor Sonnenuntergang zurück, um meine Wettkampfbeutel für morgen zu packen. Als ich die Zelttür schloss, fing es augenblicklich an zu regnen und zusätzlich kommen wieder Zweifel: Hatte ich nach der Tour genug Regenerationszeit? Schaff ich das Schwimmen und das Laufen überhaupt, nach so langer Pause? Morgen um 9:25h werde ich es herausfinden…

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